Die heute in der Westmongolei lebenden Dywa sind sprachlich-kulturell eng mit den Tuwinern verwandt. Ihnen blieb lange Zeit die Anerkennung als nationale Minderheit versagt, da sie im kasachisch dominierten Bajan-Ölgii-Aimag leben. Heute konzentriert sich ihre Gemeinschaft vor allem im Tsengel-Sum durch Rückkehr von vorher in die Zentralmongolei ausgewanderten Familien. Die Zahl aller Tuwiner inklusive der Dywa ist in der Mongolei zwischen einigen Tausend und Zehntausend, es könnten sogar mehr sein.

Tuwiner (tuwinisch Тыва/Tyva) ist der Name der größten nichtslawischen Ethnie im Altai-Sajan-Gebiet (Süd-Sibirien) (Russland, Mongolei, China). In der russischen Republik Tuwa stellen die mehr als 200.000 Tuwiner (2010: 249.299) die Bevölkerungsmehrheit (2010: 81,0 %). Sprachlich werden die Tuwiner heute den Turkvölkern zugerechnet. Sie selbst nennen sich Tyva kiži (Südsibirien) oder Dϊva giži (Altai).

Die Tuwiner gliedern sich in drei unterschiedliche Gruppen: Die mit Abstand größte Gruppe sind die Taŋdy Tyvazy/Dyvazy Südsibiriens. Zu ihnen zählen auch die Sojon-Urianchai, die im Khuvsgul-Aimag, der nördlichsten Provinz der Mongolei leben und dort „Tsaatan“ (Rentierleute) genannt werden. In der Westmongolei siedeln die Chomdu Dϊvazϊ/Tyvazy und hoch am mongolisch-chinesischen Altai-Hauptkamm schließlich die Aldaj Dϊvazϊ/Altaj Tyvazy.

Tuwinisch ist eine Turksprache, die starken Einflüssen des Mongolischen ausgesetzt ist.

Der sogenannte „klassische Schamanismus“ war die traditionelle ethnische Religion der Tuwiner. Der Ethnologe Klaus E. Müller spricht hier von „Komplexschamanismus“ und meint damit jene Formen, die durch Berührungen mit anderen Religionen und benachbarten Agrargesellschaften eine komplexe Ritualkultur entwickelt haben. Bereits frühzeitig fand eine starke Vermischung mit dem Lamaismus statt. Heilung und Weissagung sind heute noch die häufigsten Aufgaben des Schamanen.

Wie die benachbarten Mongolen – von denen die Einwohner Tuwas in der Mongolei kulturell stark beeinflusst sind – bekennen sich die dortigen Tuwiner offiziell überwiegend zum tibetischen Buddhismus. In Russland kommen altgläubige orthodoxe Christen hinzu. Die alt überlieferten schamanischen Praktiken haben jedoch immer noch eine große Bedeutung: Der tuwinische Schamanismus konnte sich auch über die Sowjetzeit retten. Die Einführung des Atheismus durch die Sowjets konnte sich nicht behaupten. Der Schamanismus verändert sich jedoch drastisch durch den Kontakt mit westlich-esoterischen Neoschamanen, die einen intensiven Austausch in Gang gesetzt haben. Dies wird möglicherweise die ursprünglichen Überlieferungen dieses Volkes verfälschen und überlagern. Der deutschsprachige Schriftsteller und Tuwa-Schamane Galsan Tschinag ist ein bekannter Repräsentant dieser Entwicklung.

Kultur und Lebensweise

Traditionelle Wirtschaftsformen der Tuwiner sind die mobile Tierhaltung und ergänzende Jagd: In den Steppenregionen werden wie andernorts Yak, Pferd, Kamel, Schaf und Ziege gehalten, heute häufig durch das Rind ergänzt. Bei den Sesshaften bisweilen auch Schweine und Geflügel. In der Regel erfolgt die Viehwirtschaft jedoch halbnomadisch oder nomadisch. Vollnomaden sind die Rentier haltenden Sojon-Urianchai in der Nord-Mongolei und die Tožu-Tyva[6] im sibirischen Nordosten des Siedlungsgebietes, die beide in der Taiga leben. Während die Steppen-Tuwiner nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus Not zur teilweisen Subsistenzwirtschaft zurückkehren müssen, leben die Taiga-Tuwiner seit jeher vornehmlich auf diese Weise. Sie gehören damit zu den ganz wenigen Ethnien der Erde, die noch von traditionellem Nomadismus leben. Die Anbindung an die lokale Geldwirtschaft besteht zumeist über den Verkauf von Pelzen aus der Jagd.

Bei den in abgelegeneren Regionen der Mongolei (Altai, Sojon) lebenden Tuwinern hat sich die überlieferte Kultur bis heute am besten erhalten, insbesondere bei den „Rentierleuten“ der Nord-Mongolei. Auf der russischen Seite fand zur Sowjetzeit eine aggressive Russifizierung (u. a. zwangsweise Sesshaftmachung) statt, die zu einer starken Akkulturation geführt hat. Heute ist der Einfluss der mongolischen und kasachischen Kultur auf die westmongolischen und chinesischen Siedlungsgebiete am stärksten.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tuwiner)

 

Die Tuwinen

- allgemein und speziell auf Russland und die Republik Tuwa bezogen

Die „Stimme Russlands" setzt ihr Rundfunkprogramm aus Moskau fort. Sie hören eine Sendung aus der Rubrik „Von den Kurilen bis nach Kaliningrad: die Bräuche der Völker Russlands". Heute erzählen wir ihnen von einem Volk, das am Zusammentreffen Sibiriens und Zentralasiens lebt. Das sind die Tuwinen.

Die Republik Tuwa (oder Tywa) liegt im Zentrum Asiens, wo mehrere Landschaftszonen zusammentreffen. Hier  entspringt der Fluss Jenissej, der in das Nordpolarmeer mündet.  Tuwa nimmt ein großes Territorium ein (etwa 171 000 Quadratkilometer), auf dem solche Staaten wie Belgien, Dänemark, die Niederlande und die Schweiz zusammen Platz hätten. Hier befinden sich Sandwüsten, aber auch Wälder und die Tundra. Die Rentiere leben hier nicht weit entfernt von Kamelen und  roten Wölfen.

Wie historische Quellen besagen, waren die Vorfahren der Tuwinen Turkstämme aus Zentralasien, die nicht später als im ersten Jahrtausend in das heutige Tuwa gekommen waren und sich mit den hier ansässigen Stämmen vermischten. Viele Besonderheiten der traditionellen  Kultur der Tuwinen  sind in der Epoche der frühen Nomaden verwurzelt, als hier - im 8. bis 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung -  die Saki-Stämme lebten. Ihr Einfluss lässt sich in der materiellen Kultur verfolgen, so in den Formen der Gegenstände aus dem Hausgebrauch, in der Bekleidung, aber besonders in der dekorativen angewandten Kunst. Zum 19. Jahrhundert waren alle Nicht-Turkstämme, die in das Territorium von Ost-Tuwa gekommen waren, völlig mit den Turkstämmen verschmolzen, und als Tuba (Tywa) bezeichneten sich nun alle Tuwinen.

In Russland leben insgesamt 244 000 Tuwinen, darunter etwa 235 000 in der Republik Tuwa im Zentrum Asiens im Süden Ostsibiriens. Die restlichen Tuwinen leben in den Gebieten Krasnojarsk und Nowosibirsk. Die Tuwinen unterteilen sich einerseits in die westlichen - also in jene, die die Gebirgssteppenregionen, die zentralen und südlichen Gebiete  von Tuwa bewohnen und zwei Dialekte der tuwinischen Sprache sprechen.  Andererseits - in die östlichen, die ebenso als Tuwinen-Todschinen bekannt sind.

Die Todschinen bilden etwa 5 Prozent der Tuwinen. Sie sind Rentierzüchter und leben an den Südhängen des Sajan. Die großen Rentierherden bildeten die Grundlage ihrer Taiga-Wirtschaft, und die Jagd war ihr Hauptgewerbe. Sie sprechen die todschinische Sprache. Sie gehören ebenfalls zu den kleinen Völkerschaften des Nordens und genießen besondere Vergünstigungen. Im Unterschied zu anderen Volksgruppen sind die Tuwinen-Todschinen die einzigen, die Rentierzucht betreiben. Und da sie in der Taiga leben, sammeln sie auch Pilze und Beeren. Ihre wohl älteste Wirtschaftsform war das Sammeln, besonders der Sarana-Zwiebeln. Sie wurden getrocknet und in Ledertaschen aufbewahrt.  Meistens sammelten die Frauen diese Zwiebeln, die im Geschmack an Kastanien erinnern. Man aß sie roh oder gekocht, man zermahlte sie auch zu Mehl, kochte Brei oder buk Piroggen daraus. Eine große Bedeutung besaß auch das Sammeln von Zedernnüssen. Die Todschinen  bearbeiteten und gerbten Felle, sie bearbeiteten auch Baumrinde. Zudem kannten sie das Schmiede- und Tischlerhandwerk.

Die traditionelle Wohnstätte der Rentierzüchter, der Todschinen, war der Tschum.  Sein Gerüst bildeten geneigt aufgestellt Stangen, die im Sommer mit Baumrinde, und im Winter mit Rentierfellen bedeckt wurden. Die Todschinen haben fast alle Elemente ihrer traditionellen Kultur bewahrt - ihre Sprache, ihre Sitten und Bräuche, ihre Verhaltensnormen. Traditionell feiern sie das Neue Jahr - „Schaga" genannt, die Feste der Wollbearbeitung und der Filzherstellung, die Geburt der Kinder und das Abschneiden der Haare. Kein  einziges bedeutendes Ereignis im Leben dieser Menschen kommt ohne sportliche Wettkämpfe aus. Das sind der nationale Ringkampf „Churesch",  Pferderennen und Wettkämpfe im Bogenschießen.

Die grundlegende Wirtschaftsform der westlichen Tuwinen war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die nomadische Viehhaltung.  Es wurde kleines und großes Rindvieh gehalten, darunter Yaks, aber auch Pferde und Kamele. Im Laufe des Jahres wechselten die Einheimischen drei- bis viermal ihren Wohnsitz, wobei sie ihn um 5 bis 17 Kilometer verlegten. Die Sommerweiden befanden sich vorwiegend in den Flusstälern, die Winterweiden - an den Berghängen. Die Tuwinen befassten sich auch mit Ackerbau. Sie bauten Gerste und Hirse an. Sie pflügten mit einem hölzernen Haken-Pflug, ab dem 20.  Jahrhundert auch mit einem Eisenpflug.

Die westlichen Tuwinen wohnten in einer Jurte. Diese runde Behausung war leicht aufzubauen und besaß ein gitterartiges Gerüst, wobei die Holzleisten mit Lederriemen befestigt wurden. In der Mitte der Decke befand sich eine Öffnung, durch die Licht in die Jurte fiel, zugleich diente sie als Rauchabzog, Die Jurte wurde mit Filzmatten bedeckt, ebenso die Türöffnung. Manchmal war es auch eine Holztür.  Der Fußboden wurde mit gesteppten, gemusterten Läufern bedeckt. Das Hab und Gut wurde in Holztruhen aufbewahrt, die mit Ornamenten verziert waren. Die traditionelle Bekleidung, einschließlich des Schuhwerks, wurde aus den Fellen und dem Leder von Haustieren und erlegten wilden Tieren genäht. Als Oberbekleidung trug man einen Chalat (einen weiten Mantel) mit einem Ausschnitt im oberen Teil an der linken Schulter und mit langen Ärmeln. Die beliebtesten Stofffarben waren Violett, Dunkelblau, Gelb, Rot und Grün.

Die Tuwinen befassten sich schon immer mit Gewerben, die sie nicht nur mit Hausgerät und Bekleidung versorgten, sondern auch mit Schmuck. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Tuwa mehr als 500 Kunstschmiede, die Siegelringe, Fingerringe, Ohrringe und auch geprägte Silberarmbänder anfertigten.  Sehr gefragt war der Silberschmuck in Form von dünnen Platten, verziert mit Gravur, Prägung und Edelsteinen. Zusammen mit ihnen trug man noch 3 bis 5 Perlenketten und Quasten aus schwarzen Fäden.

Die dekorativen Holzgegenstände waren mit uralten geometrischen Motiven verziert, die Erzeugnisse aus Leder - mit dekorativen Kompositionen, die in der Zeit der Skythen verwurzelt sind. Im  Unterschied zur dekorativen Kunst der westlichen Tuwinen dominierten in der dekorativen Kunst der östlichen Tuwinen kleine geometrische Muster - mit Zickzacklinien, punktierten und schrägen Linien sowie auch anderen.

Die tuwinische Küche verarbeitete  Erzeugnisse der nomadischen Viehhaltung und  des Ackerbaus. In wohlhabenden Familien aß man mehr Molkereiprodukte und weniger Fleisch. Fisch aßen nur die Armen. Die Milch wurde nur abgekocht oder gesäuert getrunken. Aus der Stutenmilch wurde Kumys hergestellt. Aus gegorener Milch wurde sogar  ein Schnaps hergestellt - Araku. Eine wichtige Rolle spielte auch der Tee, man trank ihn gesalzen und mit Milch. Brot wurde gar nicht gegessen, an seiner Stelle verzehrte man aus Dalgan - einem Mehl aus geröstetem Gesten oder Weizenkörnern - gebackene Fladen. Aus diesem Mehl machte man auch Nudeln und Pelmeni.

Im sozialen Leben der Tuwinen dominierten die Gemeinschaften, bestehend aus drei bis sieben Familien. Die Männer hatten in der Regel nur eine Ehefrau, obwohl es unter den wohlhabenden Viehzüchtern auch Männer mit mehreren Ehefrauen gab. Für eine Braut musste der  Kalym - das Brautgeld - bezahlt werden.

Unter der Bevölkerung von Tuwa dominieren drei Religionen: das orthodoxe Christentum, der Schamanismus und der (tibetische) Buddhismus. In der Republik befinden sich 17 buddhistische Tempel und ein Kloster. Früher gab es mehr, doch zu sowjetischen Zeiten wurde der Buddhismus ebenso wie das Christentum  verfolgt. Es wurden 26 Klöster zerstört, ein Teil der Mönche war Repressionen ausgesetzt. Nun entstehen erneut Tempel, und die Mönche erhalten eine Ausbildung in den tibetischen Zentren und in Indien.

Unter den Tuwinen gibt es viele begabte Maler, Bildhauer und Schriftsteller. Darunter Galsan Tschinag, einen tuwinischen Schriftsteller (und Sohn eines Schamanen), der vorwiegend in Deutsch schreibt. Er studierte in Leipzig Germanistik und unterrichtete dann an einer Universität in der Mongolei Deutsch. Der Chef des russischen Ministeriums für Katastrophenschutz Sergej Schojgu ist ebenfalls ein Tuwine. Vermutlich leben im tuwinischen Kreis Ersin heute auch zwei Nachfahren von Tschingis-Chan (der übrigens bis zu 16 Millionen Nachfahren haben soll). Zu dieser Schlussfolgerung gelangte der Moskauer Genetiker Ilja Sacharow-Gesechus, der viele Jahre lang den asiatischen Genfonds untersucht hatte.

Das Musikschaffen der Tuwinen ist mannigfaltig. Es umfasst Lieder, Schnaderhüpfel und das hochinteressante Genre des Kehlgesangs. Dabei gibt es eine Methode, wo ein Sänger gleichzeitig mit zwei und drei Stimmen singen kann. Gewiss haben  alle von einem solchen Phänomen gehört. Doch es ist etwas ganz anderes, einen solchen Gesang in der Interpretation der berühmten Choomejschi - den Meistern des Kehlgesangs - selbst zu hören. Augenzeugen beschreiben ihn so:

„Stellen Sie sich die tuwinische Steppe unter dem Sternenhimmel vor, wo aus allen umliegenden Wohnsitzen die Einheimischen mit ihren Familien auf den kleinen Steppenpferden geritten kommen, um einem solchen Sänger zuzuhören. Und wie sie erst diesem ewigen, verzaubernden Lied der Steppe zuhören! Es scheint, dass es nicht eine menschliche Kehle ist, die diese erstaunlichen Töne erzeugt, sondern diese Steppe, dieser Wind selbst, der vom Aroma der Gräser erfüllt ist."

Zum Weiterlesen: http://www.reller-rezensionen.de/voelker/tuwiner2.htm

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