1999 wurde durch die Teilung der kanadischen Nordwest-Territorien ein autonomes Gebiet für die Inuit als Grundlage für ein weiteresselbstverwaltetes Gebiet geschaffen. Nach 25 Jahren Verhandlungen entstand Nunavut.

Jahrzehntelang hatten die Inuit die Unabhängigkeit von der Verwaltungszentrale NWT in Yellowknife gefordert. Erst 1979 hatten die Ureinwohner die Regierungsmehrheit in den NWT und konnten ihre Kompetenzen erweitern. 1993 war ein Gesetz vom kanadischen Parlament beschlossen worden, das die Teilung der NWT festlegte, für die bei einer Volksbefragung 80 Prozent der Inuit und 60 Prozent der Gesamtbevölkerung gestimmt hatten. Anschließend gab es einen langen Prozess, in dem die Regierung der alten NWT, der Bundesregierung und die kommunalen und regionalen Selbstverwaltungsebenen der einheimischen Bevölkerung auf verfassungsgebenden Versammlungen die rechtliche Basis für die beiden neuen Territorien verhandelten.

Im Westen der NWT bzw. im westlichen Territorium leben Angehörige von acht indigenen Völkern, die Landrechts- und Selbstverwaltungsvereinbarungen besitzen oder darüber verhandeln. Dies sind die Inuvialuit, die Gwich'in, die Sahtu Dene und Metis, die Dogrib, die Deh Cho Dene und Metis, die South Slave Metis und North Slave Metis sowie die sog. ''Treaty 8 First Nations''.

Besonders beachtlich waren die Bemühungen der verfassungsgebenden Versammlung um Transparenz. Der Gesetzesentwurf wurde auf allen Ebenen immer wieder diskutiert. Das Land ist sehr dünn besiedelt und das Hauptverkehrsmittel ist das Flugzeug - so wird das Internet als wichtiges Kommunikationsmittel genutzt. Die Regierung in Yellowknife, die Gemeinden und Schulen, die Zeitungen, die Rundfunk- und Fernsehstationen tauschen über das Internet Nachrichten aus und debattieren und überprŸfen den Verfassungsentwurf. Sitz der Regierung des westlichen Territoriums ist Yellowknife. Alle Ureinwohnersprachen sollen anerkannt werden und neben Englisch und Französisch als offizielle Sprachen gesprochen werden. Die Ureinwohnersprachen sind das Dogrib, Süd und Nord Slavery, Gwich'in, Cree, Cheppewyan und Inuvialuktun.

Zwei Gesetze bestimmen die Verfassung: das Bundesgesetz, für die Regelungen zwischen dem westlichen Territorium und der kanadischen Bundesregierung und ein begleitendes Gesetz für die Ureinwohner-Selbstregierung (Companion Aboriginal Self-Goverment Act). Letzteres soll die Vertrags-, Land- und Selbstbestimmungsrechte der First Nations anerkennen und ihnen Verfassungsrang geben. Dadurch werden, genauso wie in Nunavut, weitergehende Ansprüche getilgt, wie z.B. auf territoriale Souveränität, die von den First Nations gestellt werden könnten.

Das Parlament (Legislative Assembly) soll aus 22 Abgeordneten und zwei Kammern bestehen. Je ein Abgeordneter wird in den 14 Wahlkreisen in die Generalversammlung (General Assembly) gewählt, die für alle öffentlichen Belange zuständig ist. Angehörige der indigenen Völker wählen acht weitere Abgeordnete in die Ureinwohnerversammlung (Aboriginal Peoples Assembly), für jede der acht First Nations einen.
So gilt im westlichen Territorium das Ureinwohnerrecht als Verfassungsrecht. Das ist neu und beispielhaft. Hier wurde erreicht, dass nur mit der Beteiligung der Betroffenen auf der Ebene des Territoriums als auch auf der Ebene des kanadischen Staates das Verfassungsrecht verändert werden kann.

Nunavut gibt den Inuit eine Chance für die Zukunft. In diesem Autonomiegebiet, das seit 1999 besteht, wählten die Einwohner ein Parlament, das aus 19 Personen besteht.
Allerdings ist Nunavut finanziell weiterhin abhängig von der kanadischen Regierung. Die Inuit haben auch auf alle weitergehenden Ansprüche des 'aboriginal title' verzichten müssen.
Die Inuit machen hier 85 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und leben heute weitgehend selbstbestimmt. Dies bedeutet aber nicht, dass die Inuit eine autonome Regierung haben. Regierung und Parlament setzen sich aus Inuit und Nicht-Inuit zusammen.
Soziale und kulturelle Angelegenheiten der Inuit, die entsprechend des Bevölkerungsanteils zu 85 Prozent des Parlaments ausmachen, sind zur Zeit das Hauptanliegen der Politik. Besonders der soziale Wohnungsbau soll gefördert werden. Die Gesundheitsversorgung muss verbessert werden ebenso wie die lokale Wirtschaft. So sollen die traditionellen Handwerke gefördert und der Tourismus vorangetrieben werden. Bei Wirtschaftsverhandlungen mit der kanadischen Regierung muss die Regierung Nunavuts künftig mehr und mehr an Einfluss gewinnen. Wichtig ist es auch, eine Kontrolle über das regionale Justizsystem zu erlangen, so dass auch auf diesem Gebiet eine Annäherung an die Normen der Inuit erfolgen kann.

Quelle: Yvonne Bangert, Fast den Provinzen gleichgestellt - Ureinwohner Kanadas erhalten Autonomie in zwei Gebieten,
In: Pogrom 202, Januar-März 1999, GfbV

Gesellschaft für bedrohte Völker

http://www.gfbv.de

 

 

Buchtipp

''Mein Leben mit den Inuit'', von Fred Bruemmer,
das 2001 beim Sierra Verlag bei Frederking und Thaler in der Reihe 'Reisen, Menschen, Abenteuer' erschienen ist, ist ein wunderschönes Buch über die Inuit, das ich kürzlich las und gern empfehle.

Fred Bruemmer wurde in Riga, Lettland geboren. Schon als kleiner Junge wollte er Naturforscher werden. Seine Reisen führten ihn nach Kanada und er war begeistert von der Arktis. So lernte er schließlich alle Nordregionen der Erde kennen: Kanada, Grönland, Sibirien, Skandinavien und Alaska.
Über dreißig Jahre lang war Fred Bruemmer immer wieder für Wochen und Monate bei den Inuit zu Gast. Er erfuhr viel über das Leben, die Traditionen und die Probleme dieser Menschen. Die Geschichte der Inuit, ihre Traditionen, ihre Lebensweise und Philosophie werden ebenso eindrucksvoll beschrieben wie die Schilderung des harten Lebens der Inuit und seine Erlebnisse mit ihnen. Eindrucksvoll schreibt er über dieses Volk, das damals noch im Einklang mit der Natur leben konnte. Und er beschreibt den Prozess, der dieses Leben zerstörte. Durch das Vordringen der westlichen Zivilisation gingen die Traditionen eines wunderbaren Volkes weitgehend verloren. Dennoch ist dieser authentische Erlebnisbericht wunderschön und beeindruckend und lässt uns teilhaben an Bruemmers außergewöhnlichen Erfahrungen - voller Respekt für die Inuit.

In dem Kapitel 'Wild und tragisch: die Küste von Labrador' schreibt Fred Bruemmer über seine Reise 1968. Er reist mit dem Verkehrsmittel, das ihm gerade zur Verfügung steht, ''von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und von Camp zu Camp''. Mal nahm ihn ein Küstenboot mit, mal ein Kutter, ein Fischerboot oder auch sehr oft ein Inuit-Kanu.
Er schreibt, dass es in mancher Hinsicht eine traurige Reise gewesen wäre, ''denn die Geschichte von Labrador ist von Tragödien durchzogen.'' Er schreibt über die ''Eroberung'' der Arktis, die im Allgemeinen friedlich verlaufen sei. Die Inuit waren in dieser Hinsicht sehr froh darüber, dass ihr Land recht unfruchtbar ist und die Bodenschätze unter tiefen Schichten von Schnee und Eis lagen. Jedoch tauchten bald Interessenkonflikte auf, unter anderem durch Sibirische Pelzjäger und durch den Kabeljaufang im neuentdeckten Kanada in den fischreichen Küstenbereichen Labradors. Dort waren die Inuit im Weg, es kam zu einem Massaker...
''Das Schicksal war gegen die Inuit. Bis zum Jahr 1766 fischten 1500 europäische Schiffe mit 15.000 MŠnnern vor der Südküste von Labrador. Damals wurde die Inuit-Bevölkerung Labradors auf ungefähr 3000 geschätzt. Die Inuit an der St. Lawrence-Golf-Küste wurden ausgerottet, der Rest immer weiter nach Norden abgedrängt.'' Fred Bruemmer beschreibt die Geschichte dieses Landes bis zur Gegenwart.
Unter anderem hatten sich deutsche Missionare niedergelassen und ca 200 Jahre mit den Inuit gelebt. In dieser Region gibt es Spuren des Zusammenlebens, die sich zum Beispiel in der Sprache, in Wörtern und Namen niederschlugen. So sind die Wochentagsbezeichnungen noch heute aus dem Deutschen abgeleitet: Sontageme, Montageme, Denestageme und so weiter.
''Die Inuit erbten auch die Musikliebe der deutschen Missionare. Schon sehr früh (etwa um 1800) und offenbar mühelos schafften sie den Sprung von ihrer einfachen pentatonischen Musik zu Bachs komplexen Harmonien. Als bei meinem Besuch der amtierende Kirchenälteste Martin Martin, in weißem Hemd, blauem Anzug und Robbenfellstiefeln, den Gottesdienst beendete, ertönte der Wechselgesang der Gemeinde: 'heilig, heilig, heilig', und alle sangen in Inuktitut mit tiefer Inbrunst und vollkommener Harmonie die großen Choräle von Johann Sebastian Bach.'

Bruemmer reiste mit einem Schiff, das die Fischercamps mit Vorräten versorgte, an den nördlichen Fjords weiter. In Okak geht er an Land. Er beschreibt die wunderschöne Landschaft und die Geschichte dieses Ortes. Er ging in ein Fischercamp der Inuit: ''Mehrere Inuit-Familien kampierten an der Spitze des Fjords. Sie lebten in den großen, weißen Segeltuchzelten, die heute so vielen Inuit-Familien von Alaska bis Ostgrönland als Sommerwohnung dienen, wenn sie für Wochen, oft sogar fŸr Monate zurückkehren, um 'wieder auf dem Land zu leben', wie sie sagen.

'Kann ich bei euch wohnen?' '' - fragte er Tom Okutasiak - '' 'Natürlich', sagte er. Doch dann hatte er plötzlich Bedenken. 'Isst du Fisch?' fragte er, und als ich ja sagte, fügte er erleichtert hinzu: 'Dann bleib, solange du willst.' Unsere Nahrung in den nächsten Wochen bestand hauptsächlich aus Fisch und 'Bannok', dem ungesäuerten Brot, das in einer Pfanne gebacken wird. Es wurde vor langer Zeit von schottischen Händlern hier eingeführt, gehört heute zu den Grundnahrungsmitteln der Inuit und ist endgültig in ihre Sprache eingegangen. Gelegentlich aßen wir auch Robbenfleisch mit Bannok, und einmal, als jemand einen Schwarzbären schoß, Bärenfleisch mit Bannok.''

Weiter beschreibt er das Camp und seine Bewohner: ''Nachts erzählte Tom von alten Zeiten. Er war an der Ungava-Küste aufgewachsen, in einer Region ohne Handelsposten, und die jungen Männer waren mit Säcken voller Pelze über die Berge gewandert, um im Laden von Hebron Mehl, Zucker, Tee, Tabak und Munition einzutauschen. Dann musste jeder von ihnen eine Last von hundert bis hundertfünfzig Pfund durch die Bergwildnis zurückschleppen - eine Rundreise, die insgesamt über einen Monat dauerte...'' ''Tom war ein großer, starker Mann mit kurzgeschorenen Haaren und einem dunklen, strengen Gesicht, aber sanft und freundlich. Martha, seine Frau, war warmherzig und mütterlich und verwöhnte uns mit Essen.''

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Kia Ora bringt Ihnen das Leben der indigenen Völker näher – in der Mongolei, in Russland, Nepal und Kanada. Unsere Begegnungsreisen mit Wanderungen oder Reittrekking sind immer mit einheimischer und deutschsprachiger Reiseleitung. Immer in kleinsten Gruppen. Immer im Einklang mit den Menschen vor Ort. Immer umweltschonend, nachhaltig und fair. Und immer faszinierend.